Alfa Romeo Giulia Veloce – bellissima!

05.07.2017 | Dominik Bischoff | Testrides

Nach dem Tracktest der Topversion Quadrifoglio im letzten Jahr, fahren wir nun die zweisportlichste Variante Veloce. Ist sie in Summe ihre Eigenschaften vielleicht sogar die beste Giulia?

Wenn ich an das vierblättrige Kleeblatt mit dem 510 PS starkem V6 samt Genen von Ferrari beziehungsweise Maserati, an den Heckantrieb und die optionale Handschaltung denke, geht mein Puls sofort wieder hoch. Die Giulia Quadrifoglio fasziniert eben nicht „nur“ mit ihrem Design. Sie braucht den direkten Vergleich mit den deutschen Konkurrenten Audi RS4, BMW M4 und Mercedes-AMG C 63 nicht scheuen – nein, teilweise deklassiert die Italienerin sie sogar. Doch mit rund 72.000 Euro Grundpreis liegt Alfa ebenfalls auf dem hohen Preisniveau hiesiger Hersteller.

Verknüftiger(er) scheinen nicht nur wegen dem Preis ab knapp unter 50.000 Euro die beiden Veloce-Versionen der Giulia. Da wäre zum einen der temperamentvolle 2,0-Liter-Benziner mit 280 PS / 400 Nm, den ich bereits im Alfa-SUV Stelvio auf kurvigen Alpen-Straßen antesten konnte. Er beschleunigt in lediglich 5,2 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h und weiter bis Tempo 240. Der offizielle Durchschnittsverbrauch ist allerdings mit 6,4 Liter angegeben. Bei sportlicher Fahrweise fällt der in Realität allerdings um einiges höher aus.

Bezieht man letztgenanntes Kriterium mit ein, könnte trotz der aktuellen Diesel-Diskussionen der Selbstzünder der noch bessere oder sogar der beste Kompromiss sein. Er braucht für den Standardsprint zwar 1,6 Sekunden länger, ist in der Spitze fünf km/h langsamer und scheint mit 210 PS auch deutlich schwächer, aber dafür holen die vier Zylinder aus 2,1 Liter Hubraum bereits bei 1.750 Touren 450 Nm Drehmoment raus. Und der Verbrauch liegt offiziell mit 4,7 Litern um einiges niedriger. Doch wie fährt sich die Giulia Veloce?

Aus meiner Sicht ist der Diesel zusammen mit der serienmäßigen 8-Stufen-Automatik, die ebenfalls beim Benziner ab Werk an Bord ist, der nahezu perfekte Allrounder. Klar, der Benziner passt mit seiner Drehfreudigkeit und dem sportlich(er)en Sound subjektiv besser zum emotionalen Markenerlebnis von Alfa Romeo. Wer dafür lieber auf Kraftreserven steht und weniger „aufgeregt“ unterwegs sein will, könnte eher auf den Selbstzünder abfahren. Gerade auf langen Fahrten fällt das geringe Geräuschniveau positiv auf. Das ändert sich auch im Sport-Modus der Fahrdynamikregelung Alfa D.N.A. nicht, allerdings wirkt er dann noch durchzugsstärker.

Gerade beim Diesel stellt sich die Sinnfrage bei den großen Alu-Schaltpaddel, die sich zudem leider sehr eng an den Hebeln für Blinker und Scheibenwischer befinden. Wer tatsächlich (bewusst) Hand anlegt, wird mit schnellen, kaum wahrnehmbaren Gangwechseln gelohnt. Passend dazu präsentiert sich das Alfa Active Suspension Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern, die sich separat vom Dynamic-Modus einstellen lassen, angenehm sportlich ausgewogen. Vor allem in der weich(er)en Einstellung fährt sich die Giulia Veloce sehr geschmeidig. Handlich und neutral durcheilt der Alfa langsame wie schnelle Kurven, was an der gelungenen Abstimmung der direkten Lenkung liegt.

Insbesondere auf nasser Straße möchte ich den elektronisch geregelten Allradantrieb Alfa Q4 im Vergleich zum Heckantrieb nicht missen: Während unter normalen Verhältnissen die Motorkraft über die Kardanwelle aus Kohlefaser komplett zur Hinterachse geht, wird bei Schlupf an den Hinterrädern binnen Sekundenbruchteilen bis zu 60 Prozent des Drehmoments zur Vorderachse umgeleitet. Optional gibt es außerdem ein mechanisches Sperrdifferenzial. Hinter den serienmäßigen 18-Zoll-Leichtmetallrädern warten mit im Vergleich zu den schwächeren Giulia-Motorisierungen größere Bremsscheiben. Der Leistung angemessen ist dementsprechend die Verzögerung.

Genügend Luft für Bremsen und Motor liefern die größeren Lufteinlässe an der markanten Front mit Bi-Xenon-Scheinwerfern. LED-Technik gibt es „nur“ in Form des Tagfahrlichts und der Heckleuchten. Hinten signalisiert der Diffusor zwischen den beiden verchromten Endrohren die sportliche Sonderrolle. Innen sorgen dafür die bequemen, sechsfach elektrisch verstellbaren Ledersportsitze, und das ebenfalls beheizbare Sportlenkrad mit integriertem Motorstart-Knopf. Ab Werk glänzt die Giulia Veloce mit Pedalen und Fahrerfußstütze aus Aluminium sowie Aluminium-Zierelemente an Armaturentafel, Mittelkonsole und Türverkleidungen. Auf Wunsch kann der gut verarbeitete Innenraum mit unterschiedlichen Ausstattungspaketen beispielsweise mit Dekorleisten aus Echtholz oder edlem Leder weiter individualisiert werden.

Zur Serienausstattung gehören das Infotainmentsystem Alfa Connect mit 6,5 Zoll (16,5 Zentimeter) breitem Bildschirm. Während Erwachsene auf den vorderen Plätzen ein gutes Platzangebot finden, ist es auf der Rücksitzbank gerade noch ausreichend. Wer mehr Platz braucht oder will, sollte sich mangels einer Kombi-Version der Giulia den Stelvio anschauen. Das SUV bietet mit 525 deutlich mehr Volumen für Gepäck als die Sportlimousine mit 480 und ist zudem über die Heckklappe anstelle des Kofferraumdeckels besser zu beladen. Der Deckel des 58-Liter-Tanks kommt bei der Reichweite von über 600 Kilometern dank des moderaten Verbrauchs und trotz der bemerkenswerten Leistungsdaten selten zum Einsatz. Natürlich gibt es auch und vor allem von den deutschen Premiumherstellern sportliche Dieselmodelle, aber das italienische Flair ist und bleibt ein besonderes Argument für die Traditionsmarke Alfa Romeo.